„Für die nächsten 72 Stunden bin ich für dieses Unternehmen verantwortlich und benötige Ihre Unterstützung.“ Kein Titel, keine Inszenierung. Nur Führung im entscheidenden Augenblick. Barbara Taussig-Schiebel denkt in Zusammenhängen, führt über Vertrauen und bleibt auch unter Druck handlungsfähig. Ihr fachliches Know-how verbindet sie mit menschlicher Klarheit. Besonders dann, wenn es unbequem wird.
Frau Taussig-Schiebel, welchen Berufswunsch hatten Sie als Kind?
Barbara Taussig-Schiebel: Ich wollte Flugbegleiterin werden. Meine Puppen und Stofftiere habe ich am Flur im Haus meiner Eltern aufgestellt. Sie waren meine Passagiere und dann habe ich stundenlang Flugzeug gespielt. Ich wollte jedoch immer eine Familie haben und als ich realisiert habe, dass ich als Flugbegleiterin wenig zu Hause sein werde, entschied ich, Bankangestellte zu werden.
Dabei ist es nicht geblieben. Was waren Ihre prägendsten Stationen?
Barbara Taussig-Schiebel: Ich bin in Bogotá geboren, zweisprachig aufgewachsen und habe beide Kulturen intensiv erlebt. Schule an der Deutschen Schule Bogotá, Abschluss mit kolumbianischem Diplom und deutschem Abitur. Danach ging es nach Wien an die Wirtschaftsuniversität: Betriebswirtschaft mit Fokus auf Unternehmensführung und Marketing.
Kurz vor Studienende startete ich bei Roland Berger. Zuerst als Praktikantin, dann als Beraterin. Ich arbeitete in Barcelona, Madrid und für drei Monate in Detroit, vor allem im Automobilsektor. Nach drei Jahren kehrte ich nach Wien zurück, machte einen kurzen Abstecher in die Energieberatung bei PwC und verabschiedete mich dann bewusst aus dem klassischen Beratungsgeschäft.
Erfahrung gesammelt bei McDonald’s
Dann haben Sie bei Schiebel Antriebstechnik angefangen?
Barbara Taussig-Schiebel: (lacht) Nein, es folgte eine prägende Zeit bei Österreichs größtem Mobilfunkanbieter mobilkom austria. Gemeinsam mit einem visionären CMO dachten wir über die Zukunft der Mobiltelefonie nach. Vieles davon ist heute Realität. 2006 übernahm ich zwei Rollen gleichzeitig: Pressesprecherin von McDonald’s Österreich und Geschäftsführerin der Ronald McDonald Kinderhilfe. Intensiv, fordernd, lehrreich. Nach meiner Eheschließung und der Geburt meiner ersten Tochter habe ich entschieden, in den Familienbetrieb meines Mannes, Schiebel Antriebstechnik, einzusteigen. Hier ließ sich Familie und Verantwortung verbinden. Heute bin ich Mutter von zwei Töchtern und Teil des Managementteams.
Welche Entscheidung war rückblickend die mutigste?
Barbara Taussig-Schiebel: Die Entscheidung in den Familienbetrieb einzusteigen. Es standen zwar die Vorteile der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Vordergrund, aber ich wusste nicht, wie die Zusammenarbeit mit meinem Mann sein würde und inwiefern wir es schaffen würden, Privates von Beruflichem zu trennen. Ohne technischen Background war es ein Sprung ins kalte Wasser, und als Familienmitglied wird man im eigenen Unternehmen noch stärker unter die Lupe genommen. Die ersten Jahre habe ich nur die Marketingagenden übernommen, und als wir 2016 sehr stark gewachsen sind, nahm ich die Stelle als Head of Communication & HR an. 2018 wurde ich Prokuristin und heute bin ich Teil des Managementteams. Es war die richtige Entscheidung. Mein Mann und ich ergänzen uns beruflich, sind ein starkes Team, haben eine klare Rollenverteilung und was ganz wesentlich ist, die gleiche Vision für das Unternehmen.
Wann wurden Sie fachlich ernst genommen?
Barbara Taussig-Schiebel: Während des ersten Lockdowns 2020. Mein Mann war im Ausland, ich musste innerhalb von Stunden Verantwortung übernehmen. An dem Tag sagte ich zu unseren Mitarbeitenden: „Für die nächsten 72 Stunden bin ich für dieses Unternehmen verantwortlich und benötige Ihre Unterstützung“. Mit Hilfe von einigen Mitarbeitenden haben wir es geschafft, uns für die bevorstehenden Wochen gut aufzustellen. In der Zeit haben die Mitarbeitenden erkannt, dass ich in der Krise einen klaren Kopf bewahren kann, dass ich teamorientiert bin und vor allem mir das Unternehmen so wie die gesamte Belegschaft wichtig sind. Danach war klar: Ich kann führen – auch unter Druck.
Kreative Kür
Was wird an der Industrie unterschätzt?
Barbara Taussig-Schiebel: Wie hochkomplex unsere Produkte sind. Ein elektrischer Stellantrieb ist Hochtechnologie, sicherheitskritisch, normiert und zertifizierungspflichtig. Das sieht man von außen oft nicht.
Was fasziniert Sie an der Industrie?
Barbara Taussig-Schiebel: Die Gestaltung der Zukunft: Predictive und Preventive Maintenance, Health Monitoring, digitale Transformation. Intern treiben wir den kompletten Wandel von analogen zu durchgängigen, digitalen Prozessen voran.
In jedem Job gibt es Kür und Pflicht. Wie sieht es bei Ihnen aus. Was ist Kür, was ist Pflicht?
Barbara Taussig-Schiebel: Die Kür ist das Kreative: gestalten, entwickeln, emotionalisieren. Die Pflicht ist das Unangenehme im HR-Bereich – Entscheidungen treffen, die notwendig, aber nicht beliebt sind. Beides gehört dazu.
Superkraft gegen Fachkräftemangel
Angenommen, Sie haben eine Superkraft und könnten die Branche verändern. Wo würden Sie ansetzen?
Barbara Taussig-Schiebel: Beim Fachkräftemangel. Das duale System ist gut gedacht, aber nicht mehr zeitgemäß. Wir suchen händeringend Lehrlinge. Dazu kommt das hohe Lohnniveau in Österreich, das Produktionsverlagerungen erzwingt. Und der Preisdruck durch asiatische Anbieter, bei dem Qualität und Sicherheit zu oft verlieren. Weniger Bürokratie, ein modernes Arbeitsrecht. Die Arbeitswelt hat sich verändert, die Gesetze nicht. Fachlich wünsche ich mir manchmal mehr technisches Know-how – gleichzeitig ist mein Nicht-Techniker-Blick eine Stärke. Ich will weg von reinen Features, hin zu Emotion. Auch ein Stellantrieb darf sexy sein.
Welche Fähigkeiten braucht die Industrie in Zukunft?
Barbara Taussig-Schiebel: Hausverstand, ganzheitliches Denken, Anpassungsfähigkeit. KI ist ein Werkzeug – entscheidend ist, sie richtig einzusetzen. Abschlüsse sind eine Basis, Denken ist der Unterschied.
Ihr Rat an Frauen in der Industrie?
Barbara Taussig-Schiebel: Nicht einschüchtern lassen. Genau hinschauen, ob Frauenförderung gelebt wird. Gemischte Teams sind besser. Und: mutiger verhandeln. Weniger Bescheidenheit, mehr Klarheit.








