Zwischen Freude am Lernen und Führungsverantwortung

Jede Industriebranche hat ihre eigene Sprache, ihren eigenen Dialekt. Marina Nußko kam aus der Automobilbranche und stand nach ihrem Wechsel in die Lebensmittelindustrie plötzlich vor einem fachlichen Buchstabensalat. Neue Begriffe, Abkürzungen und Prozesse. „Die Kollegen wirkten wie Native Speaker“, erinnert sie sich heute schmunzelnd. Seitdem verantwortet sie das Qualitäts- und Projektmanagement bei Freudenberg Process Seals GmbH & Co. KG. Im Interview spricht sie über mutige Wechsel, Teamgeist und die Freude daran, immer wieder Neues zu lernen.

von | 15.09.26

Wenn die Arbeit Pause macht: Marina Nußko mit ihrer Familie.
Quelle: M.Nußko I Privat
Marina Nußko

Frau Nußko, welchen Berufswunsch hatten Sie als Kind?

Marina Nußko: Als Kind wollte ich tatsächlich einmal Tierärztin werden. Ein späteres Praktikum hat mir schließlich den entscheidenden Impuls gegeben. Mit meiner Begeisterung für Mathematik und Physik war das Ingenieurwesen für mich genau der richtige Weg.

Welchen Weg sind Sie anschließend gegangen?

Marina Nußko: Nach dem Abitur habe ich an der Berufsakademie Mannheim Mechatronik studiert. Danach bin ich bei Freudenberg Sealing Technologies in der Produktvorausentwicklung eingestiegen, damals als Entwicklerin für statische Magnetisierwerkzeuge. Mit den Jahren durfte ich immer mehr Verantwortung übernehmen und schließlich auch Entwicklungsprojekte leiten.

Sie haben sich später noch einmal bewusst weiterqualifiziert. Was hat Sie dazu motiviert?

Marina Nußko: Ja, ein besonderer Meilenstein war für mich ein persönlicher Wunsch, den ich mir zwölf Jahre nach meinem Diplom erfüllt habe: Während der Elternzeit meines zweiten Kindes habe ich zusätzlich einen Master in Wirtschaftsingenieurwesen gemacht. Diese Zeit war fordernd. Gleichzeitig hat sie mir gezeigt, was möglich ist, wenn man wirklich für etwas brennt.  Vor drei Jahren habe ich dann noch einmal bewusst einen neuen Schritt gewagt und mein Fachgebiet gewechselt. Seitdem verantworte ich das Qualitäts- und Projektmanagement der Freudenberg Process Seals GmbH & Co. KG. Gerade in einem anspruchsvollen Umfeld wie der Lebensmittel-, Pharma- und Chemiebranche ist das ein unglaublich vielseitiges Aufgabenfeld.

Prägende Momente in Ihrer Karriere. Was ist dazu Ihr erster Blitzgedanke?

Marina Nußko: Ganz klar der Wechsel nach 19 Jahren in der Produktvo¬rausentwicklung mit starkem Fokus auf die Automobilindustrie in die Technikabteilung eines Vertriebskanals mit Schwerpunkt Lebensmittelindustrie. Das war ein echter Sprung ins Neue. Nach den ersten Besprechungen hatte ich tatsächlich das Gefühl, die Kollegen würden eine Fremdsprache sprechen und ich müsste sie erst einmal lernen.

Wie definieren Sie Erfolg?

Marina Nußko: Erfolg bedeutet für mich, wirklich etwas zu bewegen, Ziele auf die eigene Art zu erreichen und dabei seinen eigenen Weg zu finden. Besonders wichtig ist mir dabei ein Umfeld, das auf Vertrauen basiert und Menschen die Möglichkeit gibt, Verantwortung zu übernehmen und ihr Können zu zeigen. Im Job bin ich erfolgreich, wenn mein Team erfolgreich ist. Allein ist das nicht möglich.

Wenn wir Sie einen Tag in Ihrem beruflichen Alltag begleiten. Was würden wir gemeinsam erleben?

Marina Nußko: Ich hoffe, Sie lieben die Abwechslung, denn einen typischen Arbeitstag gibt es bei mir eigentlich kaum. Ich mag das. In unserer kleinen Vertriebseinheit übernehmen wir Techniker sehr unterschiedliche Aufgaben. Das reicht von Fachvorträgen über rechtliche Fragestellungen rund um Lebensmittelfreigaben bis hin zu Audits beim Kunden. Manchmal sogar an eher ungewöhnlichen Orten, etwa auf einer Insel vor Estland. Gerade diese Mischung aus technischem Tiefgang, Verantwortung und direktem Austausch macht für mich den Reiz aus.

Was unterschätzen Außenstehende an der Industriebranche?

Marina Nußko: Viele unterschätzen ihre Vielschichtigkeit. Industrie besteht längst nicht nur aus Produktion. Sie verbindet Technik, Qualitätsmanagement, Regulierung, Kundenanforderungen und Projektarbeit. Entscheidungen haben oft direkte Auswirkungen auf Sicherheit, Lieferfähigkeit, Kosten und Marktzugang. Gleichzeitig ist die Industrie stark von globalen Lieferketten, Partnerschaften und wirtschaftlichem Druck abhängig. Hinzu kommt ein enormer Wandel durch Elektrifizierung, Nachhaltigkeit und neue Technologien. Trotz aller Technik bleibt der menschliche Faktor entscheidend.

Und welche Seiten sind unbequem, aber gehören dazu?

Marina Nußko: So ehrlich muss man sein: Ein Unternehmen hat das Ziel, Gewinne zu erzielen. Das steht am Ende über vielem. Diese Realität gehört dazu und mit ihr muss man professionell umgehen.

Was würden Sie gerne verändern, wenn Sie genug Einfluss hätten?

Marina Nußko: Ich würde mir wünschen, dass Managemententscheidungen stärker an langfristigen Erfolgen gemessen werden und nicht nur an kurzfristigen Ergebnissen. Nachhaltige Entwicklung braucht Weitblick und den Willen, sich für ein besseres Morgen einzusetzen.

Welche Fähigkeiten werden in der Industrie der nächsten zehn Jahre entscheidend sein?

Marina Nußko: In einer Welt, in der KI eine immer größere Rolle spielen wird, wird eine Fähigkeit besonders wichtig: fundiert entscheiden zu können, was wirklich richtig, realistisch und sinnvoll ist. Dafür braucht es Begeisterung, Fachwissen, Erfahrung und die Fähigkeit, Dinge fokussiert voranzutreiben. Genau diese Kombination wird künftig noch entscheidender werden.

Beschäftigen Sie sich privat ebenfalls mit technischen Themen?

Marina Nußko: Ich engagiere mich in meiner Freizeit stark als Vorsitzende des Kinder- und Jugendzirkus Paletti e.V., einem der größten Kinder- und Jugendzirkusse Deutschlands mit mehr als 2.000 Mitgliedern und über 450 aktiven Kindern und Jugendlichen. Darauf bin ich sehr stolz.
Dort geht es nicht nur um Artistik, sondern auch um soziale Kompetenzen, Gemeinschaft und persönliches Wachstum. Außerdem bieten wir Teambuilding-Events an. Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Es schweißt enorm zusammen, wenn man gemeinsam Pyramiden baut und nur durch echte Teamarbeit etwas auf die Bühne bringt. Zum Ausgleich gehe ich regelmäßig im Wald ausreiten. Ich nenne das mein persönliches „Waldbaden“. Für mich gibt es kaum etwas Besseres, um den Kopf freizubekommen.

Ihre Empfehlung an Frauen, die in der Industrie Karrieremachen möchten?

Marina Nußko: Suchen Sie sich einen Beruf, der Ihnen wirklich Freude macht, und umgeben Sie sich mit Menschen, mit denen Sie gerne zusammenarbeiten. Denn wenn man für etwas brennt, ist man nicht nur motivierter, sondern meistens auch richtig gut darin. Und genau das ist oft die beste Grundlage für Erfolg.

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

Jetzt Newsletter abonnieren

Die wichtigsten Branchen-News, regelmäßig in Ihrem Postfach.

Hier anmelden

Ab ins Wasser: Ventile setzen auf Hydract
Ab ins Wasser: Ventile setzen auf Hydract

GEA integriert seine wasserhydraulische Hydract-Antriebstechnologie in das Varivent-Ventilportfolio. Die Lösung ersetzt die klassische pneumatische Betätigung durch ein geschlossenes hydraulisches System, das mit Wasser oder einem Wasser-Glykol-Gemisch arbeitet.

mehr lesen
Industriearmaturen: Cerberus will Goodwin-Geschäft kaufen
Industriearmaturen: Cerberus will Goodwin-Geschäft kaufen

Cerberus Capital Management will wesentliche Teile der Maschinenbausparte von Goodwin plc für bis zu rund 1,1 Milliarden Pfund übernehmen. Zur Transaktion gehören mit Goodwin International und der Noreva GmbH auch Anbieter von Industriearmaturen und Rückschlagventilen.

mehr lesen

Sie möchten unser Fachmagazin „Industriearmaturen & Dichtungstechnik“ unverbindlich testen?

Bestellen Sie Ihr kostenloses Probeheft

Überzeugen Sie sich selbst: Gerne senden wir Ihnen „Industriearmaturen & Dichtungstechnik“ kostenlos und unverbindlich zur Probe!

Cover 01-2026_klein